Illico - Paul Nolte
detail Frühlingsweihe

Illico: Vibrierendes Jetzt

Die Dynamik der Malerei von Franziska Beilfuß





„Illico“, sofort, so sagt man auf Französisch, wenn etwas auf der Stelle, in diesem Augenblick geschehen soll.

Illico, so nennt Franziska Beilfuß eine neue Serie von Bildern, in denen das Jetzt, in denen die Präsenz der Gegenwart schärfer hervortritt als in ihren früheren Arbeiten. Der Gestus ist expressiver, die Farben leuchten noch mehr. Komplementärfarben treffen aufeinander, während zugleich ein Blau, ein Grün, ein Orange in allen Nuancen durchdekliniert wird.

Die Kompositionen erscheinen wie entfesselt, sie sprengen förmlich die Grenzen der Leinwand – nicht nach außen, über ihre Ränder hinaus, sondern nach innen.


„Illico“, das ist kein festgefrorenes, kein statisches Jetzt, kein Ruhepunkt. Wenn man es spricht, dann soll sich etwas ändern,

und zwar schnell, und nicht nur ein bisschen. Die Malereien von Franziska Beilfuß sind Bewegung, für den Moment festgehalten auf der Fläche der Leinwand. Im nächsten Moment könnte es schon ganz anders sein. Diese Bewegung plätschert nicht leise dahin, sie ist kraftvoll, sie stülpt die Verhältnisse um, von außen nach innen, von vorne nach hinten. Wie in einem Torus,

der mathematischen Figur des Donuts, die sich rasant dreht, in der Innen- und Außenflächen turbulent ineinander übergehen. Dynamisch: das kommt von dem griechischen dynamos – und das heißt nicht Bewegtheit, sondern Kraft.

Die Bilder von Franziska Beilfuß sind Momentaufnahmen von Kraftgefügen. Sie lassen uns nicht kalt, ihre Spannung überträgt sich auf den Betrachter.


Denn „Illico“, das ist ein Appell an eine andere Person: Tue dies, bring mir jenes! In den Malereien von Franziska Beilfuß ist diese andere Person der Betrachter des Bildes. Betrachten wir das Bild überhaupt? Nein, es tritt auf uns zu, es spricht uns an, es wird geradezu übergriffig, wenn wir einen Moment stehenbleiben und uns darauf einlassen. Das ist nicht harmlos und wohlgefällig, sondern das reibt, das erzeugt Spannungen, in den Farben, in den Flächen.


So entsteht das Bild immer wieder neu im Auge des Betrachters. Wie nicht selten in der zeitgenössischen Malerei, stellt Franziska Beilfuß die Grenzen zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion auf die Probe; sie existieren nicht mehr. Sind das farbliche Gesten auf der Leinwand, Arrangements von Farbe, Form und Fläche? Oder erkenne ich hier eine Landschaft, dort ein Gesicht, hier ein Fabelwesen, dort eine antike Szenerie? Es gibt da nichts Endgültiges zu entdecken oder herauszufinden.

Keine Festlegung – diese Bilder sind wie Kippfiguren, die uns in einem Moment dies, im anderen Moment etwas anderes sehen lassen. Da war ein Tier, jetzt ist es wieder verschwunden. Das war der Vordergrund, jetzt hat er sich nach hinten gedreht.

So dreht es sich immer weiter, und das Jetzt hört nie auf.


„Illico“, das ist natürlich eine Täuschung, ein Trick der Künstlerin. Das Gestische, das Spontane ist eine Illusion, denn in diesen Bildern schichtet sich ein langer, ein aufwändiger Arbeitsprozess ab. Sie bewahren Schichtungen ihrer Entstehungszeit auf, die sich als Farbschichten ablesen lassen. Grundierung der Leinwand, Farbe, Übermalung – je tiefer man sich hineinbewegt, desto stärker differenziert das Jetzt sich aus, und desto mehr wird die vermeintlich glatte Fläche zum Relief, ja zum dreidimensionalen Raum. Jetzt? Ha! Da geben sich ein Vorher und ein Nachher, ein Höher und ein Tiefer zu erkennen, und verschwimmen vibrierend wieder, tritt man zwei, drei Schritte zurück.


Stete Verwandlung, Kippfiguren, vibrierendes Jetzt, formuliert in mächtigen Farben: Das ist die Malerei von Franziska Beilfuß.



Paul Nolte